Das Jahr 2026 geht in seine letzte Etappe. Demnächst werden wir wieder überall Jahresrückblicke sehen. Und während alle anderen in nostalgischen Erinnerungen an schöne Urlaube und besondere Momente schwelgen, werde ich nur denken:
Lasst mich doch alle in Frieden.
Dabei war 2026 im Grunde gar nicht mal so schlecht gestartet. Wir schreiben November 2025. Ich hatte gerade einen vielversprechenden, neuen Job gefunden und dachte, das Schicksal sei mir nun endlich mal wieder wohlgesonnener. Es konnte ja eigentlich nur bergauf gehen, immerhin waren die 13 Jahre nicht gerade zimperlich mit mir umgegangen: Trennung vom Vater meines Kindes, Wochenendmama mit Vollzeitjob zwischen Lübeck, Hamburg und Düsseldorf; 10 Jahre Pflege meiner Eltern, Papas Parkinson-Diagnose, Papa verstorben, Elternhaus aufgelöst, Mama nach Hamburg umgesiedelt, Mamas Alzheimer-Diagnose und diverse Operationen, Vater meiner damals 12-jährigen Tochter verstorben, Job verloren, Haussanierung, eingefrorene Schultern, ach ja – Corona war da auch noch, Mamas Umzug in ein Pflegeheim, Auflösung ihrer Wohnung, Jobwechsel, und in all dem Wahnsinn habe ich auch noch einen entzückenden Havaneserwelpen großgezogen. Und irgendwas habe ich jetzt bestimmt noch vergessen aufzuzählen.

(Der entzückende Havaneserwelpe anno 2022, Foto: krisenqueen.de)
Anders gesagt: Meine 30-er-Jahre konnte ich mehr oder weniger in der Pfeife rauchen.
Aber im November 2025 fühlte sich alles für einen kurzen Moment so an, als könnte es endlich besser werden. Ich hatte so das Gefühl, jetzt findet sich langsam alles, jetzt kann ich langsam mal durchatmen. Schön doof von mir. Ich hätte es besser wissen müssen. Denn immer, wenn ich das denke, kommt es noch dicker.
Los ging‘s mit Rückenschmerzen.
Pünktlich zur allerersten Woche im neuen Job bekam ich plötzlich Rückenschmerzen aus der Hölle. Und zwar von der Sorte, bei der man nicht weiß, ob man lieber sitzen, stehen, gehen oder liegen soll. Rückenschmerzen, mit denen man ungern täglich 100 Kilometer pendelnd im Auto und anschließend am Schreibtisch verbringen möchte. Aber da musste ich durch – Einarbeitung vor Ort war angesagt. Ich biss die Zähne zusammen, schluckte Ibus am laufenden Band und dachte, es würde schon wieder weggehen. Spoiler: Nein, tat es nicht. Das f*cking Universum hatte mir einen kleinen Hexenschuss geschickt, der sich anfangs als simple ISG-Blockade tarnte.
“Aber die schießen doch nicht auf ihre eigenen Leute!“
Charmante Sprüche von meinem Partner gab‘s gratis dazu. Haha. Selten so gelacht. Das nächste Ungemach ließ leider auch nicht lange auf sich warten. Wir schreiben inzwischen Anfang Dezember 2025. Ich stand mit Rückenschmerzen und vollbeladen mit Weihnachtstüten im Schneesturm am Kofferraum meines Autos, als mich ein Anruf des Pflegeheims meiner Mutter erreichte. So einen Anruf drückt man nicht weg – wenn die anrufen, ist was passiert. Und es war was passiert.
“Ihre Mutter hat die Krätze und muss wochenlang in Quarantäne“
…ist ein Satz, den man kurz vor Weihnachten einfach nicht hören möchte. Und zwar auf so vielen Ebenen: Du willst nicht, dass deine Mutter die Krätze hat. Du willst nicht, dass sie deswegen in Einzelhaft muss und keinen Besuch mehr empfangen kann. Und du willst sie erst recht nicht an Heiligabend alleine dort sitzen lassen. Nie war der vierte Platz an unserem Weihnachtsesstisch so leer wie am 24. Dezember 2025. Aber es half ja alles nichts.
Und dabei hatte sie gar keine Krätze.
Das konnte der zuständige Hausarzt aber leider erst nach Weihnachten diagnostizieren. Sie hätte also weder in Quarantäne gemusst noch die Feiertage alleine verbringen müssen. Allerdings hatten sich in der Zwischenzeit Magendarmprobleme zu ihren Hautproblemen gesellt, sodass es ohnehin nicht gegangen wäre. Aber das stellte sich nur als schwacher Trost heraus. Denn Mama blieb krank.
Es sollte der Beginn ihres Endes sein.
Das hatte sich aber im Januar 2026 noch nicht abgezeichnet, da wirkte sie eigentlich noch recht fit. So fit, dass sie sich noch auf ihr wöchentliches Matjesbrötchen freute, das ich ihr stets vorbeibrachte und sich noch vortrefflich weigern konnte, sich die Zähne putzen zu lassen. Aber dann ging‘s auf einmal abwärts, und ich musste mal wieder schmerzhaft erfahren, wie schnell es am Lebensende dann doch alles vorbei gehen kann. Ihre letzte Lebensetappe wurde vom nachfolgenden Satz eingeläutet:
„Ihre Mutter wird nie wieder laufen können“,
und den sagte eine Schwester im Krankenhaus zu mir, nachdem Mama mit anhaltenden Gesundheitsproblemen eingeliefert worden war. Leider hatten sich die Muskeln ihrer schwachen Beine mit einem Mal so versteift, dass sie nur noch liegen konnte, von jetzt auf gleich. Diesen Satz werde ich wohl nie wieder vergessen, weil ich sofort wusste, dass das ihr Ende sein würde. Nicht laufen zu können, war für sie so furchtbar, dass Mama sich schlichtweg weigerte, es zu begreifen. Ab diesem Moment baute sie rapide ab, und ich konnte die Abwärtsspirale jeden Tag der achtwöchigen Sterbebettbegleitung ganz genau beobachten, ohne sie aufhalten zu können. Nun hatte ich also Einarbeitung im neuen Job, Rückenschmerzen aus der Hölle und Sterbebettbegleitung. Und damit musste ich seelisch ja auch erstmal irgendwie klarkommen. Noch mehr Störfeuer gefällig? Klar, antwortete das Universum, aber gerne doch – hier hast du noch mehr.
Mitten in dieser Zeit musste ich auch noch lernen, Wegbegleiter auf Abstand zu halten, die mir nicht mehr gutgetan haben.
Manchmal trennen sich Wege selbst nach Jahrzehnten – und man erkennt, dass eine lange Dauer nicht automatisch bedeutet, dass etwas ewig hält. Das zu akzeptieren und loszulassen, war schmerzhaft, aber notwendig. Ich habe meinen Frieden damit gemacht und blicke heute mit Klarheit nach vorne, denn die Reise ging ohne Atempause weiter. Ich hatte also nicht nur Einarbeitung im neuen Job, Rückenschmerzen aus der Hölle und Sterbebettbegleitung – nein, auch solche Themen fanden ausgerechnet genau gleichzeitig ihren Höhepunkt. Mal innehalten können? Nope, Fehlanzeige. Weiter ging die wilde Fahrt in die nächste Etappe namens…
Beisetzungsorga und Nachlassverwaltung
Mama verließ uns Anfang März 2026. Was das mit mir gemacht hat, habe ich auf missionmamapapa.de beschrieben – und wie komisch es sich anfühlte, plötzlich ohne Eltern durch die Welt zu gehen. Schon wieder hieß es: Sarg aussuchen, Friedhof besichtigen, welche Musik auf der Trauerfeier, welches Blumengesteck für den Sarg, was soll auf dem Grabstein stehen. Wieder loslassen, wieder Abschied nehmen. Immer noch keine Atempause in Sicht. Groß Zeit zum Trauern hatte ich wieder nicht. Das Thema Nachlassverwaltung saß mir nach der Beisetzung im Nacken. Einen der wichtigsten Punkte hatte ich mit einem Brief ans Finanzamt direkt abhaken können und danach aus meinem Bewusstsein verbannt. Es gab Wichtigeres, womit ich mich beschäftigen musste.
Denn gleichzeitig wurde meine Tochter sehr krank.
Ich werde nicht auf die Details eingehen, aber dieses Thema wird uns aller Voraussicht nach noch lange begleiten und hat dazu geführt, dass sie in 2027 nicht wie geplant ihr Abi machen kann. Ich hatte nun also einen neuen Job, Rückenschmerzen, das Loslassen von Weggefährten, einen Trauerfall, Nachlassverwaltung und eine sehr kranke Tochter mit diversen Arztbesuchen und Diagnostiken und ungewisser Entwicklung.
Aber 2026 war noch lange nicht fertig mit uns.
Denn auch mein Partner erkrankte und musste seit April mehrfach unters Messer. Auch hier werde ich nicht näher auf die Details eingehen. Aber ich glaube, diese schiere Masse an Vorfällen zeigt ganz gut, wie sehr mich 2026 inzwischen mal gern haben kann. Und wir haben erst Ende Oktober.
Die Krisenqueen hatte 2026 also die Megakrise.
Selbst der Hund war zwischendurch immer wieder krank. Wer hingegen gar nicht erst krank werden durfte, war ich. Meine Marschroute lautete: Energiesparmodus und alle Verpflichtungen auf das Nötigste reduzieren, um alle Herausforderungen irgendwie zu meistern, ohne dabei selber unterzugehen.
Ich hab noch nie so viel f*cking Yoga gemacht wie in diesem Jahr.
Mein Wohnzimmer gleicht inzwischen mit diversen Massagegeräten einem Wellness-Salon. Sobald ich nach Hause komme, heißt es: Gassirunde, Fussmassage, Rückenmassage, Training und Bücher. Ich habe in den letzten vier Wochen 20 (!) Bücher gelesen, und zwar ausnahmslos RomComs mit bunten Titeln aus dem New-Adult-Bereich. Los ging‘s mit Off Campus auf Amazon Prime, und danach hatte mich das „Schalt dein Hirn ab“-Genre voll am Wickel. Stell dich hinten an, herabschauender Hund – NICHTS hat mich die letzten Wochen so gut entspannt wie der Anblick spärlich bekleideter Eishockeyspieler. Not gonna lie.
Resilienz auf Krisenqueen-Art eben.
Aber da geht noch mehr: Wir haben unsere Ernährung auf basisch-antientzündlich umgestellt, ich trinke unter der Woche keinen Kaffee mehr und versuche, auf ungesunde Snacks etc. zu verzichten. Ich muss hier sowas von meine innere Mitte finden und halten, dass mich das gottverdammte Meditieren schon völlig aggressiv macht. Wisst ihr, was dagegen wirklich hilft? Einfach mal die blöde Achtsamkeit zu vergessen, die mir alle aufdrängen wollen. Stattdessen gehe ich einfach nur auf der Gassirunde zum Brüllen in den Wald. Da finde ich meine Mitte irgendwie am besten wieder. Brüllen im Wald, Leute – DAS ist der heiße Scheiß, ehrlich.
Kleiner Pro-Tipp am Rand: In Zukunft dann aber beim Heimkommen den Briefkasten ignorieren.
Post vom Finanzamt!
Liebe Frau Krisenqueen, wie nett, dass Sie sich nach dem Ableben Ihrer Mutter pflichtgemäß bei uns gemeldet haben, unser Beileid. Nun möchten wir alles etwas genauer wissen und fordern Sie hiermit auf, Steuererklärungen der letzten drei Jahre nachzureichen, und zwar subito. Mit freundlichen Grüßen.
Das war der Moment, in dem ich mich ernsthaft fragte, ob uns irgendwer verflucht hatte.
Normalerweise glaube ich nicht an sowas. Aber ich hab mir tatsächlich ein Armband gegen den bösen Blick angeschafft:

Einfach nur, weil ich dachte, wieso nicht – vielleicht hilft es ja. Daran kann man das Ausmaß meiner Verzweiflung perfekt ablesen. Jedenfalls darf ich zur Krönung des Jahres – wenn es nach Elster geht – auch noch mehrere tausend Euros an Steuern nachzahlen. Ich hatte nicht auf dem Schirm, dass ich plötzlich Steuererklärungs-pflichtig bin, weil ich jahrelang als Festangestellte freiwillig meine Steuererklärung gemacht habe. Aber ja. Wieder was dazu gelernt.
Was soll ich dazu noch sagen?!?
Wenn ich das Universum nun bitte, es jetzt endlich mal gut sein zu lassen, packt es sowieso noch eine Schippe obendrauf. Deshalb mache ich das an dieser Stelle gar nicht. Ich besinne mich auf meinen Galgenhumor, ohne den ich ohnehin nicht durch die letzten Jahre gekommen wäre, und auf mein rheinländisches Gemüt. Et kömmt wie et kömmt, sagt die Düsseldorferin in mir. Wir werden sehen. Ich werde berichten.

