Nachdem meine Mama im März diesen Jahres von uns ging, wurde ich auf meinen Gassirunden mit Happy eine ganze Weile lang von Möwen verfolgt. Die Anwesenheit von Möwen ist bei uns durchaus nichts Ungewöhnliches – wir leben am Rand eines Moorgebiets, nicht weit von der Elbe und vom Hamburger Hafen entfernt. Man hört sie immer mal schreien, und sie bedienen sich zum Frühstück ganz gern an den hiesigen Tümpeln.
Aber nach Mamas Tod war es plötzlich anders.
Ich habe in den letzten 9 Jahren vier liebe Menschen verloren, meinen Papa, den Vater meiner Tochter, meine Cousine und zuletzt meine Mama. Und immer, wenn ich jemanden gehen lassen musste, fühlte sich alles so viel sensibler an. Es war jedesmal, als würde ich das Sterben miterleben, so, als würde sich auch für mich ganz kurz das Tor zu einer anderen Welt öffnen. Und als sei ein Stück von mir mitgegangen. So war es auch an den Tagen, nachdem Mama gegangen war. Und noch etwas Seltsames geschah.
Diese Möwe ließ mich nicht mehr in Ruhe.
Irgendwann wurde sie sogar ganz schön aufdringlich: Sobald ich morgens mit Happy vor die Tür trat, zog sie schon länger ihre Kreise über unserem Hausdach. Nicht selten hatte sie mich bereits mit ihrem Geschrei geweckt. Sie empfing mich dann an der Haustür und folgte meinem Hund und mir bis ins Moor. Bei jeder Morgenrunde hatten Happy und ich fortan Begleitung, und das wahrhaftig jeden einzelnen Tag wieder aufs Neue. Es gab zwar Tage, an denen sie nicht direkt an der Haustür ihre Wache übernahm, sondern erst einige Momente später, an der ersten Moorbrücke – aber sie war immer da. Auf das Auftauchen der Möwe war Verlass.
Es ging sogar so weit, dass sie mir bis in ein Parkhaus folgte.
Eines Nachmittags musste ich ins nächstgelegene Shopping-Center fahren, um etwas zu besorgen. Es war schönes Wetter, ich fuhr offen Cabrio, und über mir kreiste die Möwe. Ich dachte, sie würde wohl bald verschwinden, sobald ich auf unsere Bundesstraße einböge – aber weit gefehlt. Die Möwe kam hartnäckig mit und hielt meinem Tempo Stand. Und zwar exakt bis zur Parkhauseinfahrt, und sogar noch ein paar Meter mit hinein. Dort flatterte sie irritiert unter dem Dach herum und trat schließlich die Flucht an – hier gefiel es ihr wohl nicht (Randnotiz dazu: Meine Mutter hasste Shopping. Und Parkhäuser hasste sie noch mehr. Sie nannte die Tiefgarage unter ihrer Wohnung immer „Ort des Grauens“).
Das alles wäre nur halb so seltsam, wenn Möwen nicht Mamas Lieblingstiere gewesen wären.
Oh ja, Mama liebte Möwen. Sie symbolisierten den Norden für sie, die Nordsee, die Ostsee, das Watt, das Meer – Krabbenbrötchen – alles, was Mama sehnsüchtig aufseufzen ließ. Als Mama noch fotografierte, waren Möwen ihr allerliebstes Motiv. Sie trieb meinen Papa im Urlaub damit regelmäßig in den Wahnsinn, weil sie auf Ausflügen stundenlang Möwen knipste und sich so lange ausprobierte, wie das Lieblingsmotiv stillsaß. Und Möwen können unfassbar geduldig irgendwo herumsitzen.
„Ich wollte hier nicht festwachsen“, murrte Papa dann missmutig, wie es so seine Art war. Ich erinnere mich noch lebhaft an einen gemeinsamen Ausflug aufs Helgoländer Oberland, der zu einem handfesten Ehekrach führte, weil er genau hinter dem Aufzug nach oben endete. Dort hatte Mama sich mal wieder festfotografiert, und weil sie so lange brauchte, bis sie den perfekten Moment erwischt hatte, konnten wir das restliche Oberland kaum noch erkunden, bevor die Fähre zurückfuhr. Mein Papa fand das gar nicht witzig, und die Stimmung war dahin.

(Eine von Mamas Helgoland-Möwen mit den charakteristischen Häusern im Hintergrund)
„Findet ihr Möwen denn nicht genauso faszinierend wie ich?“, fragte Mama verständnislos.
„Deine blöden Möwen gehen mir am A….Allerwertesten vorbei!“, schimpfte Papa.
„Du hast wirklich eine rabenschwarze Seele, weißt du das eigentlich?!“ hörte ich Mama zurückschimpfen, während ich mir am nächsten Kiosk ein Eis als Popcorn-Ersatz gönnte und das elterliche Spektakel verfolgte.
„Ja, Raben sind schon wesentlich mehr mein Ding“, brummte Papa und ergab sich.
Irgendwann verschwand die Möwe nach Mamas Tod wieder aus meinem Leben.
Sie hörte auf, mich zu verfolgen. Vielleicht hatte ihr das Parkhaus-Erlebnis den Rest gegeben. Vielleicht handelte es sich aber auch um eine Art Wachablösung, denn seitdem begrüßt mich jeden verdammten Morgen ein Rabe auf der Ballustrade der immergleichen Moorbrücke. Kein Scherz. Manchmal fühle ich mich richtig verfolgt.
Bisher ist es mir leider noch nicht gelungen, ihn zu fotografieren – das Tier hat eine seltsame Kamera-Allergie. (Randnotiz: Woran das wohl liegt?).
Spannenderweise ist das der einzige Vogel, der sich uns auf wenige Meter nähern kann, ohne, dass Happys Jagdtrieb ausgelöst wird. Normalerweise springt der kleine Hund nämlich sofort in die Leine, um uns todesmutig alles, was Flügel hat, vom Leib zu halten. Nur bei diesem Raben bleibt er immer ganz ruhig und schaut ihn an. Dann sagen wir „Guten Morgen!“ und gehen weiter, als wäre es das Normalste der Welt.
Jetzt fehlt mir die Möwe manchmal.
Ich finde es schade, dass sie gar nicht mehr auftaucht. Deshalb habe ich mir eine Ersatz-Möwe gekauft, oder besser gesagt: zwei – und zwar in Form von zwei identischen LED-Laternen, die jeweils aus einer großen und einer kleinen Möwe und einem Licht bestehen. Mama Möwe und ich. Eine dieser Laternen steht nun neben Mamas Grabstein, und die andere in meinem Garten:


Mama mochte die Dunkelheit nicht. Nun weiß ich: Immer, wenn meine Laterne bei Anbruch der Dunkelheit in meinem Hochbeet angeht, dann leuchtet auch die andere Laterne, die auf Mamas Grab steht. Dann wünsche ich ihr eine „Gute Nacht“ – und freue mich auf den nächsten Morgen mit Papa Rabe. Und nein, auch mit 47 ist es gar nicht schön, ohne Eltern auf der Welt zu sein – daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Aber vielleicht sind sie noch näher bei mir, als ich wahrnehme.
